Reisebeschreibung der Mitseglerin Jutta
I. Weißhaar auf der
YLPE inkl. Diashow
auf
dem
Abschnitt von Cypern (Girne) nach Ismailia
Email:ylpe@gmx.de


SY YLPE

GIRNE (Nord-Cypern) – HERZLIYA (Israel)
– PORT-SAID (Ägypten) – ISMAILIA (Ägypten)
Wie alles begann:
September 2000. Interboot Friedrichshafen. Mir fällt das
Foto einer Ketsch auf. Messestand Sailpoint. Erkundige mich genauer. Das Schiff
gefällt mir auf anhieb. Zypern und Suez-Kanal. Der Termin paßt. Internet.
Einige Telefonate.
Sa 25. November 2000 Girne 35°-20.3N 033°-19.4 E
11:40 Uhr Abflug in Stuttgart mit Turkish Airlines. Elmar und die Kinder haben
mich zum Flughafen gebracht. Bin die einzige Frau ohne Kopftuch im Flugzeug. Der
Flieger ist neu und der Flug o.k. Zum Essen gibt es „non-pork".
Im neuen Flughafen von Istanbul verbringe ich die 6–stündige
Wartezeit bis zum Anschlußflug nach Ercan mit Essen, Trinken, Lesen und
Umherschlendern. In der Abflughalle treffe ich dann mit Jörg zusammen. Habe ein
Schild mit Jens in der Hand, aber der Jörg fühlt sich trotzdem angesprochen.
Im Flieger nach Ercan ist auch Herr Rauf
Denktasch
, der
Präsident von Nord-Zypern. Bei der Ankunft wird gerade der Rote Teppich
ausgerollt.
Das Gepäck ist vollständig angekommen und der Taxifahrer,
den Peter bestellt hat, wartet schon auf Jörg und mich. Die Fahrt vom Flughafen
Ercan zum Hafen von Girne dauert etwa 45 Minuten. Leider ist es schon 22:00 Uhr
und dunkel.
In Girne an Bord der YLPE werden wir von Skipper Peter und
Mitsegler Oskar freundlich begrüßt. Nachdem Jörg (Vorschiff Bb) und ich
(Achterkabine Stb) die Kojen bezogen haben, sitzen wir in der Messe beisammen,
essen und trinken. Andreas vom Nachbarschiff ist auch zu Gast.
So 26. November 2000 Girne
Frühstück an Bord. Schaue mir die YLPE genauer an. Das
Schiff gefällt mir. Viel Technik, viele Leinen, zwei Masten. Sieht ganz schön
kompliziert aus. Wir gehen zusammen Proviant einkaufen für die Überfahrt nach
Port Said. Nachdem alles verstaut ist, schaue ich mir die Festung von außen an,
dann zieht es mich zum Strand. Sammle Muscheln für die Kinder. Es ist angenehm
warm. Anschließend dusche ich und wir machen das Schiff klar zum Auslaufen.
Warten auf Jörg, dem gefällt Girne wohl so gut, daß er sich verspätet. Gegen
15:30 Uhr gehen wir Anker auf und in den Zollhafen, um dort auszuklarieren.
Wind NW-E 10 - 16 KN
Seegang 1
Kurs 245°
Fahrt 6 KN
Endlich auf See. Laut Wetterbericht soll es bis Donnerstag ruhig bleiben, dann
wird ein Tief erwartet, daß zur Zeit bei Sizilien liegt. Wir Motoren, essen
Abendbrot an Bord. Dann werden die Nachtwachen eingeteilt.
19:00-22:00 Peter, 22:00-01:00 Jutta, 01:00-04:00 Oskar, 04:00-07:00 Jörg
(Ortszeit)
Alle 10 Minuten Ausguck gehen, alle Stunde
Position bestimmen und in die Seekarte eintragen, ist mit der Navigationshilfe
von Yeoman ein Kinderspiel. Der Autopilot macht seine Arbeit gut. Es ist sehr
dunkel, der Himmel wolkenverhangen. Neumond.
Mo 27. November 2000 auf See
Wind N-SW 20-35 KN Regen
Seegang 3
Kurs 170°
Fahrt 5 KN
Der Wind legt zu, die See wird rauer. Wir Segeln. Frühstück. Oskar hat schon
längst die Angel ausgebracht. Am späten Vormittag beißt ein Fisch an. Ist
ganz schön mühsam, den zappelnden Fisch an Bord zu bringen und zu erlegen. 80
cm, 3,5 kg und nach einigem hin und her wissen wir, daß es eine Goldmakrele
ist. Der Wind legt noch mehr zu. Jörg ist es schon schlecht und ich glaube, mir
wird auch bald übel. Oskar weist mich in die Geheimnisse der YLPE ein, ist ja
schon seit Wochen an Bord und kennt sich bestens aus. Der Besan hat ein
einfaches Bindereff, das Groß verfügt über eine mechanische Rollreffanlage
und das Vorsegel wird sogar über eine elektrische Rollreffanlage bedient. Den
Petroleumherd darf er auch bedienen, dessen Geheimnisse haben Jörg und ich nie
durchschaut. Das Wetter bleibt unfreundlich, zum Glück hat das Schiff auch
einen geschlossenen Steuerstand. So allmählich geht es mir ziemlich mies,
verbringe einen Teil des Tages in der Koje. Meine Nachtwache verläuft ohne
besondere Vorkommnisse.
19:00-22:00 Jörg, 22:00-01:00 Peter, 01:00-04:00 Jutta,
04:00-07:00 Oskar (Ortszeit)
Di 28. November 2000 auf See
Wind SE 19-45 KN Gewitterregen,
Seegang 4 -5
Kurs 260°
Fahrt 5 -6 KN
Wache auf, getraue mich aber kaum aufzustehen, befürchte,
daß mir wieder übel wird. Greife auf Stutgeron zurück und hoffe, daß es
hilft. Der Wind hat sich etwas gelegt um gegen später noch mehr aufzufrischen.
Jede Bewegung ist anstrengend, man muß sich regelrecht festklammern um nicht
durchs Schiff geschleudert zu werden. Peter hat es mal ohne festhalten versucht
und mußte prompt mit einem blauen Knie dafür bezahlen. Auch an Kochen ist
nicht mehr zu denken, wer Hunger hat, bedient sich selbst. Peter hört
Wetterbericht, schaut sich auf dem Notebook die neuesten Wetterinformationen an.
Sieht nicht nach Wetteränderung aus. Weiterhin gegen an oder ablaufen nach
Israel ist die große Frage. Wir versuchen es mit gegen an. Das Schiff schlägt
hart in die Wellen; hält sich aber tapfer. Keine Ausfälle. Die Segel sind
robust.
19:00-22:00 Oskar, 22:00-01:00 Jörg, 01:00-04:00 Peter,
04:00-07:00 Jutta (Ortszeit)
Mi 29. November 2000 auf See
Wind S 25 - 58 KN Gewitterregen
Seegang 6
Kurs 110 - 125°
Fahrt 5 -7 KN
Heute geht’s mir etwas besser. Bin nicht mehr so
schläfrig. Dafür ist das Wetter noch bescheidener. In Spitzen bis 58 kn Wind,
das sind 11 Bft und der Seegang ist dementsprechend. 3-4 m Wellen, schräg von
vorne. Immer wieder heftige Gewitter. Eine harte Belastung für Mensch und
Material. So gegen Mittag, Jörg will sich gerade in die Koje verziehen, kommt
er aufgeregt zurück und meldet Bruch im Vorschiff. Auf der Bb-Seite ist eine
etwa 2 Meter lange Versteifung, die auch als Ablage dient, wie ein Streichholz
zersplittert. Oskar wirft sich in Ölzeug und Lifebelt und macht
Schadensbegutachtung von außen. Äußerlich am Bug nichts zu erkennen. Auch die
Anker sind an ihren Platz. Innen kein Wassereinbruch. Was ist passiert?
Vermutlich ist der Bug hart in eine Welle aufgeschlagen; unwahrscheinlich, daß
es eine Kollision mit Treibgut war. Wir fallen ab, damit der marode Bug geschont
wird. Oskar repariert 3 oder 4 Stunden lang mit Peter die Verstrebung, bei 8-9
Bft und dem entsprechenden Seegang. Von Seekrankheit keine Spur. Gegen Abend
gehen wir auf Kurs. Machen 1 bis 2 kn Fahrt über Grund. Sind weit nach Osten
gekommen. Wieder die Überlegung – Port Said oder Israel? Ein Blick in die
Seekarte, ein Blick auf den Wetterbericht, auf das Schiff, wir sind müde nach 3
Tagen Sturm und beschließen schweren Herzens abzulaufen nach Israel. Wir sind
auf Position 34°43` N 033° 17` E. Peters und auch mein Zeitplan kamen nun
durcheinander. Zum einen wartet ab Samstag ein neuer Gast in Ismailiya /
Ägypten, zum anderen wollte ich gerne den Suez-Kanal sehen, aber bereits
Sonntag oder Montag nach Hause fliegen. Versuchen über Bern Radio das zu
klären.
19:00-22:00 Jutta, 22:00-01:00 Oskar, 01:00-04:00 Jörg,
04:00-07:00 Peter (Ortszeit)
Do 30. November 2000 auf See / Herzliya 32-09.5 N 034-47.6 E
Wind S 30 - 58 KN Gewitterregen
Seegang 6
Kurs 110 - 130°
Fahrt 5 - 7 KN
Die Nachtwachen verlaufen ruhig, nur auf dem Radar sind in
der Ferne kreuzende Schiffe zu erkennen. Das Wetter bleibt bescheiden und der
Seegang auch. Wir nähern uns Israel. Oskar und ich wechseln die Gastlandflagge
aus und hängen die Gelbe darunter. Bei soviel Wind gar nicht so einfach für
uns, beim Hochziehen verdrillt sich die Leine; Wir müssen wohl noch etwas
üben. 30 Meilen vor der Küste bemüht sich Peter um Funkkontakt mit Israel
Navi. Im Laufe des Vormittags meldet sich Tel Aviv. Wir wollen nach Ashdod. Geht
nicht, sagt die Dame am Funk. Wir könnten nur in Tel Aviv einklarieren. Müssen
also noch weiter nach Osten abfallen. Wir bereiten uns aufs Einlaufen in Tel
Aviv vor, doch plötzlich gibt es Probleme. Wir könnten nicht nach Tel Aviv,
die Hafeneinfahrt sei bei Sturm zu gefährlich, wir sollten lieber Ashdod
nehmen. Peter versucht der Dame klarzumachen, daß dies nun nicht mehr möglich
sei. Wir wären ein Segelschiff und könnten nicht direkt gegen den Wind segeln.
Auch unter Maschine würden wir nur einen Knoten Fahrt bei quälendem Seegang
machen. Konsequenz: Wir müssen noch weiter nach Osten, nach Herzliya. Peter
kennt die Marina. War mit der EMYR-Ralley schon mal dort. Wir nähern uns dem
Wellenbrecher und passieren ihn mit Stb. Der Skipper legt hart Ruder und das
Schiff surft regelrecht mit der nächsten Welle in die Hafeneinfahrt; perfektes
Timing. Dort erwartet uns die Navi. Sollen längsseits gehen. Der Motor stottert
und stirbt ab. Oh Schreck. Läßt sich aber sofort wieder starten. An der Pier
warten schon Vertreter der Emigration und nehmen unsere Leinen freundlich, aber
etwas unbeholfen entgegen. Es ist Mittag. Eine hübsche junge Dame von der
Emigration stellt uns freundlich viele Fragen. Ein Herr von der Marina bringt
Formulare. Nach 2 Stunden bekommen wir unsere Pässe mit Visum. Endlich kann ich
die tolle Dusche der Marina genießen. Später wollen Oskar und ich Schekel
besorgen, ein junger Mann von der Marina chauffiert uns freundlich. Nach der
dritten Bank, die geschlossen ist, geben wir auf. Stadtrundfahrt umsonst. Kann
es noch gar nicht fassen, daß ich in Israel gelandet bin. Wir essen Goldmakrele
an Bord und freuen uns auf eine ruhige Nacht.
Fr 01. Dezember 2000 Herzliya
Auch wenn der Wind stürmisch und die See rauh war, so blieb
die Stimmung während der ganzen Überfahrt immer gut und ich beschließe, zu
Hause anzurufen und um Verlängerung zu bitten; passiert ja nicht alle Tage,
daß man ungewollt nach Israel kommt. Mein Mann Elmar gewährt sie mir. Danke.
Per eMail vom Schiffs aus nimmt Peter mit seinem Bruder
Klaus, der zur Zeit in Hurghada lebt, Kontakt auf, um meinen Rückflug
umzubuchen. Nach dem Frühstück gehe ich mit Oskar erneut auf die Suche nach
einer Wechselstube. Wir werden fündig und entdecken auch gleich eine seriöse
Autovermietung mit vernünftigen Preisen. Freitag mittag 14:00 Uhr beginnt
nämlich der Sabbat, da fahren weder Busse noch gewöhnliche Taxis. Und da wir
nun schon im gelobten Land sind, wollten wir uns das genauer ansehen. Oskar
leistet nachmittags dem Peter Gesellschaft, der die Ylpe wieder auf Hochglanz
bringt, die Backskisten trocknet, nach der Maschine sieht und vieles, vieles
mehr. Jörg und ich fahren mit dem Mietwagen nach Tel Aviv und machen einen
langen Strandspaziergang. Sehen viele wilde Katzen, die in einer Mauer mit
unzähligen Nischen hausen und besichtigen die Marina und ihre Einfahrt aufs
Genaueste. Wäre schon ganz schön eng gewesen und gefährlich hier mit der Ylpe
einzulaufen. Essen eine Kleinigkeit und irren mit dem Mietwagen, einem Ford
Fiesta, bei Nacht wieder nach Herzliya zurück. Die meisten Straßenschilder
sind hebräisch und arabisch beschriftet, nur wenige tragen englische
Bezeichnungen. Oskar hat in der Marina gewaschen, auch für mich ein paar
Sachen. Bleibe ja nun 14 Tage und da wird die für eine Woche mitgebrachte
Wäsche knapp. Wir essen gemütlich Abendbrot an Bord und besprechen die
Reiseroute für den nächsten Tag.
Sa 02. Dezember 2000 Herzliya
Der Speck ist weg. Peter findet ihn an Deck. Zum Glück hat
die Katze noch was übrig gelassen. Oskar hatte ihn vom Schwarzwald mitgebracht.
Zeitig machen Jörg als Chauffeur, Oskar als Navigator und ich uns auf den Weg
nach Jerusalem. Peter bleibt wieder an Bord, schade, hätte doch gerade er ein
wenig Sightseeing verdient. In Jerusalem angekommen, gehen wir übers Jaffa-Gate
in die Altstadt. Besichtigen von außen die Davidszitadelle, schlendern durch
das Labyrinth der Gassen. Wir fotografieren die Klagemauer von Dachterassen aus.
Nicht übermäßig viel Polizei ist zu sehen, dafür alle paar Meter
Videokameras. Als wir zur Klagemauer hinunter wollen, werden wir wie an
Flughäfen von Wachen durchsucht. Die Klagemauer ist viel kleiner als ich
dachte, es gibt verschiedene Zugänge für Männer und für Frauen. Dem
Felsendom ist nicht beizukommen, weil Sabbat ist. Wir verlassen die Altstadt
übers Flowers-Gate und gelangen in eine Gegend mit unzähligen
Straßenhändlern. Wir schauen uns alles nur an, kaufen gegen später Brot fürs
Mittagessen. Den Jörg zieht es nochmals in die Altstadt, Oskar und ich
beschließen, am Auto zu warten. Das Gedränge war uns unheimlich. Dort essen
und trinken wir eine Kleinigkeit. Nachdem Jörg wieder wohlbehalten zurück ist,
fahren wir weiter an das ca. 30 km entfernte Tote Meer. Irgendwie vermisse ich
hier Bäume, die sandfarbigen Häuser mit flachen Dächern sind auf ebenso
sandsteinfarbigem Boden errichtet. Wo nicht bewässert wird, wächst auch
nichts. Irgendwann sind wir in der Wüste. Ab und zu sieht man die einfachen
Behausungen der Beduinen. In der Ferne erkennt man bald das Tote Meer, 394 Meter
unter dem Meeresspiegel. Am entfernten Ufer ist bereits Jordanien.
Mondlandschaft, zerfallene Militäranlagen, aber das Handy funktioniert. Wir
finden einen Zugang zum Strand und handeln wegen dem Eintritt, denn es ist schon
später Nachmittag. Wir gehen baden, später holen Oskar und Jörg eine Zeitung
und liegen lesend auf dem Rücken im Wasser. Es ist kein Märchen, sondern
vielmehr Wahrheit: Im Toten Meer kann man im Wasser liegend Zeitung lesen!!!
Leider wird es im Dezember auch in Israel um 17:00 bereits dunkel und wir treten
die Heimfahrt an. Wie fast alle Tage gibt es ein Festessen an Bord.
So 03. Dezember 2000 Herzliya
Frühstück, wie immer perfekt gekochte Eier und
Tomatenmarmelade, für den, der mag. Zu viert machen wir uns auf den Weg nach
Ashdod. Fahren einen kleinen Umweg durch einen landwirtschaftlichen Betrieb und
besichtigen die noch im Ausbau befindliche Marina. Zurück in Herzliya kaufen
wir im Supermarkt Proviant für die Überfahrt nach Port Said. Am frühen
Nachmittag machen wir uns und das Schiff klar zum Auslaufen. Peter klariert aus.
Der Sturm hat sich gelegt, die Windrichtung ist gerade ideal. Maschine starten,
warmlaufen. Hört sich gar nicht gut an. Der Skipper, frischgeduscht, steigt in
den Maschinenraum, Oskar folgt ihm sogleich. Jörg und ich sitzen vorn bzw.
achtern auf den Treppen und reichen abwechselnd das Werkzeug. Bin fasziniert,
daß er bei den unzähligen Leitungen die Richtige findet. Die Zeit vergeht wie
im Flug. Gegen 19:00 Uhr werfen wir die Leinen los in Herzliya. Fazit Israel:
Von den Unruhen haben wir nichts gemerkt, die Menschen waren überaus freundlich
und hilfsbereit.
Draußen auf See setzen wir Segel und nähern uns bei
achterlichem Wind mit Rauschefahrt Port Said. Übernehme die erste Nachtwache,
dann folgt Peter und Jörg, Oskar möchte endlich mal die Sonne aufgehen sehen.
Mo 04. Dezember 2000 auf See
Wind NE 10 - 28 KN
Seegang 2-3
Kurs 255°
Fahrt 3-5 KN
Der Wind bleibt geradezu ideal. Oskar und ich erhalten eine
neue Chance. Dürfen nochmals die Gastlandflagge wechseln. Der Skip überrascht
uns mit selbstgebackenem Milchbrot. Schmeckt lecker. Später erzählt er mir von
seinen Internet-Aktivitäten. Jörg, die Leseratte, hat sich’s auf dem
Sonnendeck bequem gemacht. Wir verbringen einen wunderschönen Segeltag. Gegen
Abend, Oskar will gerade die Schleppangel einholen, beißt ein kleiner Thunfisch
an. Seine Schwanzflosse ziert jetzt mein Büro. Um uns viele Schiffe, auf dem
Radar sind sechzehn oder siebzehn große Frachter zu erkennen. Wir nähern uns
dem Suez-Kanal. Müssen wachsam bleiben. Ein Fischerkonvoi kann uns nicht
ausweichen, deshalb bergen wir die Segel, lassen nur den Besan stehen. Peter
nimmt Funkkontakt mit FELIX, einer Schiffsagentur auf, die den ganzen
Schriftwechsel für die Genehmigung der Durchfahrt durch den Suez-Kanal vorbereiten soll. Am
Horizont taucht die nächtliche Silhouette von Port Said auf. Wir halten
Ausschau in diesen Lichterwirrwarr nach den Leuchtfeuern und Ansteuerungstonnen.
Wollen hinter dem Wellenbrecher, der die Einfahrt zum Kanal begrenzt, bis zum
nächsten Morgen auf Reede gehen. Kurz vor Mitternacht fällt der Anker. Der
Schwell ist unangenehm, hält aber nur mich vom Schlafen ab.
Di 05. Dezember 2000 Port Said 31°-17.5 N 32°-20 E
Wind NE 2 - 10 KN
Seegang 2
Kurs nach Sicht
Fahrt 5 KN
Schnelles Frühstück, 08:30 Uhr Anker auf. Einfahrt nach
Port Said. Ein Lotsenboot begleitet uns. Eine Stunde später machen wir an der
Mooringtonne der Marina von Port Said fest. Sicherheitshalber bringt Peter noch
den Anker aus. Die Lotsen sind aufdringlich, zehn US$ und 2 mal Marlboro und
Taschenrechner sind zu wenig. Sie wollen mehr. Softdrink, sprich Cola. Haben wir
nicht, geben noch 2 Schachteln Zigaretten. Bakschisch. Dann ziehen sie von
dannen. Peter sitzt an der Pier und klariert ein. Oskar und ich räumen auf.
Jörg holt die gelbe Flagge ein. Das Hafenwasser ist ölig und riecht wie eine
Tankstelle. Das Toilettenhäuschen der Marina sieht hübsch und neu aus, unser
erster Besuch war aber zugleich unser letzter. Nachmittags fahren wir mit der
kostenlosen Fähre auf die andere Seite des Kanals. Die Leute schauen uns an,
ich habe das Gefühl, als käme ich vom Mond. Junge Mädchen fragen uns dies und
jenes und kichern laut und fröhlich. Viel Betrieb, viel Lärm. Autos,
Fahrräder, von Männern geschobene und von Eseln gezogene Obst- und
Gemüsekarren. Die Hupe scheint das Wichtigste am Auto zu sein. Wir wechseln
Geld und essen eine Kleinigkeit. Lernen die arabischen Zahlen im Eilverfahren,
damit wir Preise lesen können. Eine fremde Welt für mich. Gegen 16:30 Uhr
fahren wir mit der Fähre zurück, es ist Ramadan und von Sonnenuntergang an
dürfen die Moslems wieder essen und trinken, alle eilen deshalb schnell nach
Hause. Selbst die Obst- und Gemüsehändler verschenken ihre restlichen Waren,
damit schnell Feierabend ist. Am Abend werden Peter und Jörg zu einer
Besprechung bei der Schiffsagentur FELIX abgeholt, Oskar und ich bleiben an
Bord.
Mi 06. Dezember 2000 Port Said
06:30 Uhr. Werde wach, weil Peter in den Maschinenraum
kriecht. Der Zugang ist in meiner Kabine. Das Nachbarboot hat Probleme beim
Ablegen, der Skipper, ein Engländer, hat es furchbar eilig von hier wegzukommen
und schreit schon ganz nervös: I will cut your rope, we are in hurry; wir
müssen unsere Leinen fieren . Peter, Oskar
und ich bleiben auf und spazieren durch das morgendliche Port Said. Kaufen
frisches Brot. Nach dem Frühstück machen wir das Schiff klar für den Suez.
Pünktlich um 10:00 Uhr kommt der Lotse an Bord. Ein Ägypter, groß, kräftig
und recht höflich. Er fragt nur einmal nach Bakschisch, nachdem Peter ihm
erklärt hat, daß es dies erst am Ende der Tour gibt, und auch nur dann, wenn
er seine Arbeit gut macht. Port Said entschwindet. Rechts wenig besiedeltes
Land, links Wüste. In regelmäßigen Abständen passieren wir Kontrollpunkte.
Der Lotse klärt die Durchfahrt über UKW. Er ist Moslem und darf, da Ramadan
ist, den ganzen Tag nichts essen und auch nichts trinken. Mehrmals übergibt er
uns das Ruder, läßt sich im Salon bei lauter orientalischer Musik, nachdem er
Peters edlen Teppich beiseite geräumt, sich Füße, Hände und Gesicht
gewaschen hat, gegen Mekka gerichtet, zum Gebet nieder. Unterwegs sehen wir viele Fischer mit kleinen Booten, bei manchen
sind die Segel gar aus Plastiktüten. Eine riesige Brücke wird über den Kanal
gebaut. Es ist fast windstill, angenehm warm. Oskar und ich beschließen, den
16-Meter-Mast zu erklimmen und uns das Schiff mal von oben anzusehen. Oskar geht
zuerst, mit Lifebelt am Großfall gesichert. Etwa 30 Sprossen sind zu nehmen, an
der Saling wird’s ein wenig schwierig. Mache dann von oben ein paar Fotos.
Schon faszinierend, Afrika und Asien gleichzeitig zu sehen. Nachmittag. Oskar
macht Obstsalat, schnippelt mit seinem Lieblingstaschenmesser voller Hingabe die
Früchte dafür in kleine Stücke.
Die Sonne ist untergegangen. Wir bieten dem Lotsen Vesper und
Mineralwasser an. Aber trinken tut er nicht. Müßte doch durstig sein nach dem
langen Fastentag. Wir fragen nach. Der Sprudel sei aus Israel. Dankbar trinkt er
dann das Wasser, das aus Girne stammt.
Große Frachter und Tankschiffe kommen uns entgegen. Wir
nähern uns Ismailiya. Rechts am Ufer die Villa von Mubarak. Gegen 18:00 Uhr
fällt der Buganker. Jörg belegt die Achterleinen an Land. Der Lotse erhält
ein dickes Lob vom Skip, scheint mit seinem Bakschisch zufrieden. Hat sich’s
auch verdient. Herr J., mein Nachfolger, wartet schon an der Pier. Peter geht
zur Emigration. Dauert Stunden. Mache mir schon Sorgen. Spät am Abend, zur
Krönung des Tages, gehen wir in Ismailia noch Abendessen. Arabisch. Schmeckt
ganz gut. Aber hinterher an Bord trinken wir alle einen Schnaps. Da wir für die
eine Nacht zu fünft an Bord sind und Herr J. nun meine Kabine bewohnt,
übernachte ich in der Messe. Dank Oskars und Peters vielen kleinen
Aufmerksamkeiten schlafe ich die letzte Nacht wie ein Murmeltier.
Do 07. Dezember 2000 Ismailia
Peter hat mit viel Organisationstalent einen Schreiner
aufgetrieben, der sich dann auch gleich im Vorschiff an die Arbeit macht. Jörg
und ich gehen in die Stadt. Muß noch ein Busticket nach Hurghada besorgen,
Jörg soll für sich und den Rest der Crew eine Fahrt nach Kairo und wenn
möglich, auch noch Luxor, organisieren. Den Bahnhof finden wir auch gleich. Die
Auskunft ist mehr als mager. Lesen können wir nichts und unser Englisch bringt
uns auch nicht recht weiter. Auf dem Weg zum Busbahnhof spricht uns ein Ägypter
an, chauffiert uns durch die Stadt, will eine viel zu teure Tour verkaufen. An
der Busstation ist bei mir die Verwirrung nun komplett. Jetzt weiß ich nicht
mal mehr, fährt der Bus 06:30 Uhr morgens oder abends. Ich gehe zurück zum
Schiff, Jörg besichtigt noch den Park. Peter, hilfreich wie immer, bringt mich
zum Chef der Marina. Der telefoniert dreimal, schickt einen Arbeiter los und
nach einer Stunde habe ich mein Ticket, Abfahrt abends 18:30 Uhr. Packe schweren
Herzens meinen Seesack. Überraschend pünktlich holt mich der Fahrer der Marina
ab. Herzlicher Abschied von Oskar. Jörg und Peter begleiten mich zum
Busbahnhof. Nochmals Abschied. Endgültig. Mir fehlen die Worte.
Der Bus ist recht komfortabel und überhaupt nicht
überfüllt und obendrein noch günstig, 30,00 DM für etwa 500 Kilometer.
Orientalische Musik und Videofilme. Der Bus rast durch die Nacht. Zweimal Pause.
In Suez und Ras Gharib. Immer wieder Kontrollpunkte. Pässe vorzeigen,
Fahrkartenkontrolle. Hinter mir sitzt ein junges Ehepaar. Ägypter, er Lehrer,
sie schrecklich reisekrank. Wir unterhalten uns auf Englisch.
Fr 08. Dezember 2000 Hurghada
Nachts um 02:30 Uhr Ankunft in Hurghada. Fahre mit dem
Dolmosch zu Peters Bruder Klaus. Orientierungshilfe: Ein von Hand gezeichneter
Plan. Am nächsten Morgen besorgen wir mein Rückflugticket und holen seine
Tochter Jasmin von der Schule ab. Aus ihren Erzählungen erfahre ich vieles
über das tägliche Leben in Ägypten, bekomme nützliche Tipps, zum Beispiel
übers Dolmoschfahren. Am Nachmittag schaue ich mir Hurghada an. Die eine
Hälfte arabisch pur, andere eine Mixtur aus modernen Hotelanlagen und solchen,
die es noch werden sollen. Den Abend verbringe ich bei Klaus im Internet-Cafe
und gegen 23:00 Uhr geht’s mit dem Taxi zum Flughafen. Dort warte ich die
restliche Zeit bis zum Abflug um 04:00 Uhr. War spannend, hatte nur ein von Hand
ausgefülltes Flugticket und auf der Passagierliste stand ich auch nicht. Mußte
bis 10 Minuten vor Abflug aufs Einchecken warten. Will schnell noch auf die
Toilette, davor sitzt ein Ägypter und sagt: Give me one German Mark und reicht
mir 2 Blatt Toilettenpapier. Adieu, faszinierendes Ägypten, im Flieger ist
alles wieder typisch deutsch.
Sa 09. Dezember 2000
Ankunft im München am frühen Morgen. S-Bahn bis zum
Hauptbahnhof. Mit dem ICE nach Stuttgart und dann nochmals S-Bahn bis nach
Grunbach. Hier am Bahnhof steht mein Auto. 14:30 Uhr, der Alltag beginnt. Und
dennoch... das Ende eines Törns ist auch zugleich der Anfang eines neuen. Am
liebsten wieder mit Jörg und Oskar auf der Ylpe!!!
Email: Jutta I. Weißhaar

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